Theater Haldenstein Medienbericht

Die Frage nach der Wahrheit

Artikel der Bündner Woche von Laura Natter
Im Schloss Haldenstein wird das Freilichttheater «Anna Göldi» inszeniert – morgen ist Premiere.
Todesurteil: Gegner und Betreiber des Hexenprozesses beobachten, wie die kirchlichen Richter den Willen Anna Göldis (Mitte) brechen.
Bild Jürg Oschwald
Heute vor 236 Jahren und 364 Tagen nahm eine Ära ihr Ende. Eine traurige Ära. Eine, die Unrecht widerfahren und Ungerechtigkeit walten liess, eine, die keine Gnade kannte, eine, die Leben nahm. Aus Aberglauben, aus Neid, aus Boshaftigkeit. Es ist die Ära der Bündner und Glarner Hexenverfol-gungen, die mit dem Tod der Glarner Magd Anna Göldi ihr trauriges Ende nahm. Morgen jährt sich ihr Todestag zum 237. Mal. Ein Tag, dem von der Regisseurin, Autorin und Theatermacherin Annina Giovanoli und ihren Schauspielern mit dem Freilichttheater «Anna Göldi» gedenkt wird. Innerhalb der historischen Schlossmauern von Schloss Haldenstein.
Die Holzscheiter an der Schlossmauer wurden feinsäuberlich zu einer Beige gestapelt, auf dem alten Holztisch liegen Schriften zur Kräuterkunde, eine Laterne steht ohne Kerze daneben. Ein Bild, das sich wohl in manchem Haushalt des 18. Jahrhunderts so geboten hat. Als Requisiten sind die Gegenstände nun Teil des Bühnenbilds mitten im Schlosshof. Ein reduziertes Bühnenbild. Bewusst hat sich Annina Giovanoli dafür entschieden. «Ich will, dass die Zuschauer noch etwas von der Schlossatmosphäre wahrnehmen», sagt sie, während sie vor der überdachten Zuschauertribüne steht. 130 Menschen kön-nen hier gleichzeitig der Geschichte Anna Göldis lauschen.
Im Hof weht ein laues Lüftchen. Vielleicht als Vorbote für das, was in wenigen Augenblicken zum grünen Tor hereinwirbeln wird. Es sind dies die 13 Laienschauspieler in ihren Kostümen aus dem 18. Jahrhundert. Kurz vor der Premiere findet die erste Kostümprobe statt. Die originalen Kostüme lösen bei manchen ein Stirnrunzeln aus. Wie war das nochmals mit der Jacke? Trug man die damals offen oder geschlossen? Und die Strümpfe? Muss man Strümpfe unter dem bodenlangen Kleid tragen? War das damals so? Annina Giovanoli weiss Rat und so sorgen die Kostüme dafür, dass die Schauspieler nun endgültig in ihren Rollen angekommen sind.
Anna Göldi wurde 1734 in Sennwald geboren. Schon als 14-Jährige trat sie ihre erste Arbeitsstelle auf einem Bauernhof an. Annas Leben war fortan geprägt von Unglück und Ungerechtigkeit. Immer wieder musste sie ihre Arbeitsstelle wechseln, weil sie immer wieder in die Hände von unloyalen Her-ren fiel. Von Dreien wurde Anna schwanger, das erste und letzte Kind wurden ihr genommen, das zweite starb kurz nach seiner Geburt. Anna wurde des Kindsmords beschuldigt. Obwohl sie unschul-dig war, musste sie für den Tod des Kindes büssen und sich schlussendlich eine neue Arbeitsstelle suchen. Nach dem dritten Kind kam Anna schliesslich zur Familie Tschudi nach Glarus. Was schön begann, endete in einem Albtraum.
Im Stück wird die Geschichte Annas aufgerollt. Annina Giovanoli stützt sich dabei auf verschiedene (historische) Quellen. Denn einerseits soll das Stück eine historische Begebenheit widerspiegeln, an-dererseits aber ein Aufruf dafür sein, dass noch heute vielen Menschen Unrecht widerfährt, dass Menschen gedemütigt und unterdrückt werden. «Noch heute gelangen Menschen in ein Netzwerk von Unrecht und Verachtung», schreibt die Autorin und Regisseurin im Beschrieb zum Freilichtspiel. «Anna Göldi» ist ein Stück über die Rolle der Frau in der Gesellschaft, über Reichtum und Armut, über Schuld und Unschuld, Wahrheit und Lüge, Recht und Unrecht. Gegensätze und gleichzeitig Pen-dants, die damals wie heute im zwischenmenschlichen Zusammenleben von zentraler Bedeutung sind. Als Bogen zwischen damals und heute setzt Annina Giovanoli die Schuld und das Gewissen, verkör-pert von Gabi Schumacher und Anita Mark, ein. Sie begleiten durchs Stück, sie begleiten durchs Le-ben.
Annina Giovanoli verfasste das Theater in Bündnerdialekt. Die Nähe zum Geschehenen wird so auch auf sprachlicher Ebene eingefangen. Denn nicht nur im Kanton Glarus, sondern auch in Graubünden fanden im 17. und 18. Jahrhunderten vor allem in den romanischen Talschaften sowie dem Puschlav, Bergell und dem Misox Hexenverfolgungen statt.
Inzwischen sind die Proben im Schloss Haldenstein in vollem Gange. Anna Göldi, gespielt von Ma-nuela Liver, tritt in die Dienste der Familie Tschudi. Nicht alle in Glarus sind der Magd wohlgesinnt. Ruedi Steinmüller, gespielt von Gion Hitz, jedoch schon. Er, der sich für Kräuterkunde und sonstige «Zauberei» interessiert, scheint von Anfang an besorgt über den Stellenantritt zu sein. Ob Steinmüller wohl erahnt, was Anna widerfahren wird?
Das Stück nimmt seinen Lauf. Anna Miggali, die Tochter der Tschudis, findet Gefallen an der Magd. So auch Dr. Tschudi, gespielt von Marc Oetiker. Zwischen Anna und dem Doktor entsteht eine Lieb-schaft. Tschudis Frau Elsbeth, gespielt von Lea Giovanoli, ahnt, dass ihr Mann Anna gegenüber wohlgesinnt ist. Neid und Eifersucht prägen fortan das Zusammenleben. Kommt dazu, dass Anna Miggali ein sehr neugieriges Kind ist und Fragen stellt, die ein Mädchen damals nicht hätte stellen dürfen. Sie tut Dinge, die ein Mädchen damals nicht hätte tun dürfen. Anna wird auch hier zur Ver-antwortung gezogen. Als dann in der Milchtasse des Mädchens regelmässig Nadeln auftauchen, reicht es Elsbeth Tschudi und sie entlässt die Magd. Wieder muss Anna für etwas büssen, das sie nicht getan hat. Sie wird Opfer von Neid, Eifersucht, Geschwätz und gesellschaftlichen Hierarchien. Man tut lie-ber der Magd Unrecht, als der Wahrheit ins Auge zu blicken. Was nun mit Anna geschehen wird? Der Camerarius Pfarrer Johann Jakob, ebenfalls ein Tschudi und gespielt von Joos Risch, bringt es zum Schluss des ersten Aktes auf den Punkt, als er zu Anna sagt: «Ich kann für nichts mehr garantieren.»

Theater Haldenstein
Anita Mark
Alt Strass 9
7203 Trimmis

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